Ukraine 2012 – Alles in Ordnung?

Hell erleuch­tet, wun­der­schön: den Besu­chern der EM ver­sucht man in der Ukraine eine heile Welt zu zei­gen. Quelle: Mateusz Włodarczyk

Hier gibt’s den Audio­bei­trag: Ukraine 2012 – Alles in Ordung? (mp3 link)

In sechs Wochen schaut ganz Europa auf die Ukraine. Denn dann wird dort die 14. Fußball-Europameisterschaft (EM) aus­ge­tra­gen. Doch nicht nur auf den Rasen und in die Sta­dien, auf 22 Spie­ler und einen Ball wer­den sich die Bli­cke der Euro­päer in die­sem Jahr rich­ten. Schon jetzt wagt der ein oder ande­ren einen unbe­que­men Blick in Rich­tung Ost­eu­ropa – auf den größ­ten in Europa lie­gen­den Staat, in dem die Ex-Ministerpräsidentin und Oppo­si­ti­ons­füh­re­rin Julija Tymo­schenko unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen im Gefäng­nis sitzt und die Presse zuneh­mend zen­siert wird. Und spä­tes­tens seit­dem der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck eine Ein­la­dung durch die ukrai­ni­sche Regie­rung abge­lehnt hat, merkt man dort, dass die Euro­pa­meis­ter­schaft tat­säch­lich nicht so rei­bungs­los und bequem ver­lau­fen wird, wie man es sich erhofft hatte.

Wegen vie­ler Punkte steht das Land mitt­ler­weile in der Kri­tik. Der wich­tigste ist dabei wohl die Inhaf­tie­rung der ehe­ma­li­gen Minis­ter­prä­si­den­tin Tymo­schenko, die wegen Beste­chung und Amts­miss­brauch nach Ermitt­lun­gen der ukrai­ni­schen Staats­an­walt­schaft zu einer Frei­heits­strafe von sie­ben Jah­ren ver­ur­teilt wurde. Schon als die eher sozi­al­de­mo­kra­tisch aus­ge­rich­tete Tymo­schenko 2010 trotz inhalt­lich guter Chan­cen nicht zur Prä­si­den­tin gewählt wurde, kam es zu Miss­trauen gegen die Regie­rung des momen­ta­nen Staats­ober­haup­tes Wik­tor Kanu­kowytsch. Viele Oppo­si­tio­nelle ver­mu­te­ten ver­bo­tene Ein­griffe in die Wah­len, die letzt­lich für den Wahl­sieg Kanu­kowytschs sorg­ten. Tymo­schen­kos Pro­zess war von viel Undurch­sich­tig­keit und unbe­ant­wor­te­ten Fra­gen beglei­tet. Die EU kri­ti­sierte ihn als “poli­tisch moti­viert”; sie sel­ber bezeich­nete ihn als Mit­tel, die Oppo­si­tion im Land zu schwä­chen und nannte das Ver­fah­ren gegen sich am Ende einen “Ver­such der Regie­rung die Oppo­si­tion zu ent­haup­ten”. Bis hier­hin lässt sich nur schwer zwi­schen Wah­rem und Fal­schem unter­schei­den, vie­les bleibt undurch­sich­tig und unklar, sowohl die tat­säch­li­che Schuld Tymo­schen­kos als auch der Grad der Ein­fluss­nahme durch den aktu­el­len Prä­si­den­ten. In der Haft erkrankte die 51-Jährige jedoch schwer an einem Rücken­lei­den. Sie wurde gegen ihren Wil­len in ein Kran­ken­haus gebracht und dabei mehr­mals geschla­gen erklärte ihr Anwalt. In der Ukraine ist das mit dem Gesetz durch­aus ver­ein­bar. “Sie hatte sich ein­fach auf ihr Bett gelegt und gesagt: ‘Ich gehe nir­gendwo hin’. Gemäß dem ukrai­ni­schen Straf­ge­setz dür­fen die Gefäng­nis­wer­ter in so einem Fall Gewalt anwen­den”, so der Staats­an­walt Gen­nadi Tju­rin in einem Videobei­trag von SPIEGEL-ONLINE. Tymo­schnko befin­det sich seit­dem im Hungerstreik.

Julija Tymo­schenko wäh­rend der Gerichts­ver­hand­lung 2011. Quelle: wikipedia.org

Die­ses Vor­ge­hen und die Behand­lung Tymo­schen­kos nahm der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Gauck nun zum Grund eine Ein­la­dung in die Ukraine abzu­leh­nen. Ber­lin sei zutiefst besorgt über das Schick­sal der frü­he­ren Minis­ter­prä­si­den­tin Julija Tymo­schenko, ließ er erklä­ren. Gauck demons­triert dabei Ver­bun­den­heit zur Regie­rung um Angela Mer­kel und übt damit dop­pel­ten Druck auf den ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten aus. Zudem bot Deutsch­land aber­mals an, Tymo­schenko in Ber­lin medi­zi­nisch zu behan­deln – ein Ange­bot von dem wohl bis auf wei­te­res kein Gebraucht gemacht wer­den wird. Auch alle ande­ren Par­teien im Bun­des­tag ste­hen hin­ter Gaucks Ent­schei­dung. Einige Poli­ti­ker, wie die Bun­des­vor­sit­zende der Grü­nen, Clau­dia Roth, ent­schie­den sich gar ganz gegen einen Besuch der EM die­ses Jahr. Das die EM aber ganz sicher statt­fin­det ist so wich­tig wie wenig ande­res für die Ukraine – sie ver­schafft näm­lich dem Land, und damit auch den Miss­stän­den dort, große Auf­merk­sam­keit. Und der Fall Tymo­schenko ist bei wei­tem nicht der ein­zige Punkt, der diese ver­dient und den Beob­ach­tern große Sorge berei­tet: Vie­len Jour­na­lis­ten wurde mitt­ler­weile die Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung ent­zo­gen; die, die noch dort sind, wer­den zum gro­ßen Teil über­wacht und an inves­ti­ga­ti­ver Bericht­er­stat­tung gehin­dert. Wegen der bevor­ste­hen­den EM schaut jetzt ein Kon­ti­nent auf die Ukraine und kri­ti­siert öffent­lich, Staats­ober­häup­ter sagen ihre Besu­che ab, Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen zei­gen mit erho­be­nen Fin­gern auf das Land – einem Staat scha­det das in der Regel enorm und lässt den in die­sem Fall ange­streb­ten EU-Beitritt in weite Ferne rücken.

Bald star­tet die EM in der Ukraine – was kann sie bewe­gen? Quelle: Vic­tor Vizu

Die Ver­gabe einer Tur­nier­aus­tra­gung durch die UEFA an nicht demo­kra­ti­sche Län­der war schon öfter ein Dis­kus­si­ons­thema in den Medien. Jetzt besteht die Mög­lich­keit zu bewei­sen, dass ein ech­ter Struk­tur­wan­del durch sol­che äußere Ein­fluss­nahme mög­lich ist und mehr bewe­gen kann als eine bloße Image­auf­wer­tung und einen neuen Fas­sa­den­an­strich. Das setzt nun aller­dings noch mehr Enga­ge­ment von wei­te­ren Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens vor­aus – in Deutsch­land als auch in ande­ren EU-Lädern. Der Druck auf die ukrai­ni­sche Regie­rung wird wach­sen und dort wird man sich über­le­gen müs­sen, ob man Tymo­schenko nicht doch zur medi­zi­ni­schen Behand­lung nach Deutsch­land fah­ren lässt, wie es die Deut­sche Regie­rung ange­bo­ten hat – auch um den Preis, dass sie nicht mehr in die Ukraine zurück­kom­men wird. Aber viel­leicht könnte man sich dann dort etwas leich­ter auf ein Fuß­ball­spiel und die letz­ten Vor­be­rei­tun­gen der EM kon­zen­trie­ren. Zumin­dest bis zu den nächs­ten Par­la­ments­wah­len im Oktober.

Benutzte Quel­len: zeit.de, spiegel.de, wikipedie.org, sueddeutsche.de

Update | Am Frei­tag wurde die Ukraine von einer Serie an Bom­ben­an­schlä­gen erschüt­tert. Vier Spreng­sätze deto­nier­ten in der Geburts­statt Tymo­schen­kos, drei­ßig Men­schen wur­den ver­letzt. Die Staats­an­walt­schaft Stufte Stufte die Vor­komm­nisse als ter­ro­ris­tisch moti­viert ein.

Der Autor
Seit 2004 besuche ich die Gesamtschule Hardt in Mönchengladbach. Mich interessieren kulturelle Ereignisse, die Dinge, die einen emotionalen Einfluss auf die Menschen die sie wahrnehmen haben. Am Schreiben gefällt mir genau dieser Einfluss; das ich etwas bei einer breiten Masse von Menschen erreichen kann. Das ist mir wichtig.

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