Sind Klas­si­ker heute noch zeitgemäß?

An unse­rer Schule wird unter Mit­schü­lern seit eini­ger Zeit hit­zig dar­über dis­ku­tiert, ob es heut­zu­tage über­haupt noch sinn­voll oder not­wen­dig sei, sich in der Schule oder pri­vat mit den alten „Klas­si­kern“ zu befas­sen. Die Redak­ti­ons­lei­tung hat daher beschlos­sen, im Rah­men einer Serie ver­schie­dene klas­si­sche Werke vorzustellen.
Von man­chen Schü­lern, oder auch Leh­rern, wird behaup­tet, dass Schü­ler immer mehr Schwie­rig­kei­ten haben mit dem Ver­ständ­nis der klas­si­schen Lite­ra­tur. Für mich ist die klas­si­sche Lite­ra­tur nicht nur ein Bestand­teil unse­rer Ver­gan­gen­heit, son­dern hat auch einen aktu­el­len Wert. Dies will ich im Fol­gen­den näher erläutern.

Eine Mei­nung ist meist, dass viele junge Men­schen mit den klas­si­schen Wer­ken der Lite­ra­tur wenig anzu­fan­gen wis­sen, da sie zu alt und rea­li­täts­fern ange­se­hen wer­den. Somit ent­steht oft eine spon­tane Ableh­nung von Dich­tun­gen, die z.B. vor der Jahr­hun­dert­wende geschrie­ben wur­den. Zumal diese Ableh­nung auch durch das Auf­zwin­gen der Klas­si­ker in der Schule entsteht.

Doch bei genaue­rer Betrach­tung wird klar, dass die ange­spro­che­nen The­men immer noch aktu­ell sein können.
Ein Bei­spiel ist Shake­speares „Som­mer­nachts­traum“. In die­sem Drama geht es um die Irrun­gen und Win­dun­gen der Liebe zwi­schen meh­re­ren Men­schen und eini­gen nicht irdi­schen Wesen durch einen Zaubertrank.
Saal im Ber­li­ner Schauspielhaus

Die Fra­gen, die meist bei den ein­zel­nen Sze­nen ange­spro­chen wer­den, sind immer noch so aktu­ell wie zu der Ent­ste­hungs­zeit. Z.B. ob wir genau wis­sen, was wir tun und warum, ob das, was wir sehen wirk­lich ist oder nur ein Traum. Oder ob wir tun, was wir wol­len oder wir in Wirk­lich­keit nur mani­pu­liert und beein­flusst werden.

Dabei ist der Zau­ber­trank eine Meta­pher für die Mög­lich­kei­ten der Mani­pu­la­tion in unse­rer heu­ti­gen Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft wie z.B. durch digi­tale Netz­werke, Kon­sum­wel­ten und Welt­kon­zerne. Diese „Zau­ber­tränke“ beein­flus­sen viele Men­schen, in dem was sie tun oder sagen. Sie die­nen allein dem Mit­tel, das Image von bestimm­ten Per­so­nen oder Pro­duk­ten zu stei­gern. Denn je attrak­ti­ver die Dar­stel­lung um so grö­ße­rer der Erfolg und um so höhe­rer der Gewinn. Am Ende lässt sich der Ein­zelne täu­schen und blen­den und ent­schei­det nicht mehr sel­ber, egal ob es um den Kauf eines Pro­duk­tes oder die Wahl der Freunde geht.
Durch Lek­tü­ren von Klas­si­kern kann man auch etwas über den his­to­ri­schen Hin­ter­grund der Ent­ste­hungs­zeit erfah­ren, wie bei­spiels­weise in Tho­mas Manns Fami­li­en­ro­man „Bud­den­brooks“, wel­cher in der Zeit der indus­tri­el­len Revo­lu­tion spielt und wel­cher einem lehrt, dass die Men­schen damals von dem mon­ar­chis­ti­schen Regie­rungs­sys­tem in ihrem Lebens­stil stark beein­flusst wurden.
Im Geschichts­un­ter­richt wird dar­auf meist nicht hin­ge­wie­sen oder man kann es sich even­tu­ell nicht vorstellen.
Für mich gehö­ren Klas­si­ker dadurch zur All­ge­mein­bil­dung und sind zusätz­lich noch ein Teil unse­rer Kul­tur und soll­ten somit nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Klas­si­ker sind auch wich­tig für unse­rer natio­na­les Selbst­be­wusst­sein, das in Deutsch­land durch die bei­den Welt­kriege schon sehr gelit­ten hat. Viel­leicht könnte die Besin­nung auf die groß­ar­ti­gen Werke deut­scher Dich­ter und Den­ker unser Natio­nal­stolz wie­der etwas stärken.
Klas­si­ker der Lite­ra­tur soll­ten mei­ner Mei­nung nach allen Schü­lern näher gebracht wer­den, auch wenn sie den Sprach­stil als alter­tüm­lich und den Inhalt als lang­wei­lig emp­fin­den. Es hat kei­nen Sinn zu den­ken, dass moderne Lite­ra­tur dem Geschmack der Jugend­li­chen eher ent­spre­chen könnte und sie sich dann ernst­haf­ter mit dem Werk beschäf­ti­gen könn­ten. Man müsste zuerst das Inter­esse am Lesen för­dern, bevor man über­haupt diese Art von Lite­ra­tur ver­steht und dar­über dis­ku­tie­ren kann.
Für mich per­sön­lich ist ein klas­si­sches Werk wert­vol­ler und lesens­wer­ter als die Lite­ra­tur, die täg­lich pro­du­ziert wird und keine hin­ter­grün­di­gen Bedeu­tun­gen auf­weist. Somit kann sie nie­mals die Zeit­lo­sig­keit eines Klas­si­kers und des­sen lite­ra­ri­schen und phi­lo­so­phi­schen Wert errei­chen, was für mich aus­schließt, dass Klas­si­ker sowohl in der Schule als auch pri­vat nicht sinn­voll, lehr­reich und aktu­ell sein könnten.
Eure Paula V.
 Ber­told Brecht und Paula in Ber­lin vor dem ber­li­ner Ensemble
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